Das Interesse der Industrie steigt
Vor sieben Jahren hat die Schweizer Bevölkerung Ja gesagt zum Stammzellenforschungsgesetz und damit die Forschung an embryonalen Stammzellen auf eine solide Gesetzesbasis gestellt. Wer sich heute in der Schweizer Biotech- und Pharmabranche umschaut, dem fällt auf: Die adulten Stammzellen und insbesondere die sogenannt induzierten Stammzellen haben im Moment die Nase vorn. Bei der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen hat sich erst in den letzten zwei Jahren etwas bewegt.

Forschungsprojekte mit humanen embryonalen Stammzellen (hES) sind in der Schweiz rar, wie ein Blick in das Register des Bundesamts für Gesundheit zeigt, das alle solche Forschungsprojekte seit 2001 aufführt: insgesamt sind es 16. Diese Zahl belegt, dass hES noch immer vor allem eines sind, wenn es darum geht, Krebs oder Diabetes zu behandeln: Hoffnungsträger. Das grosse Potenzial dieser Zellen hat sich noch nicht konkretisiert, auch wenn die Stammzellbiologie weltweit grosse Fortschritte erzielt hat.
In der Schweiz nimmt das Interesse der Forscherinnen und Forscher zu, denn mehr als die Hälfte der 16 registrierten Projekte wurden in den letzten zwei Jahren gestartet. «Das hat vor allem mit dem Durchbruch bei den induzierten Stammzellen zu tun», sagt Martin Graf, Leiter der Stammzellforschungsgruppe bei Roche in Basel. Induzierte Zellen sind im Moment die Stars der Stammzellbranche. Dank diesem Verfahren – bei dem adulte Körperzellen in einen Zustand rückprogrammiert werden, der dem einer hES ähnelt – steht den Forschern und CEOs eine Zelle zur Verfügung, die mehr kann als eine adulte Stammzelle, bei der aber keine Embryonen zerstört werden müssen, um sie zu gewinnen. Doch noch ist es zu früh, um induzierte Stammzellen in klinischen Studien einzusetzen. Entsprechende Zelllinien von Patienten existieren erst seit dem Jahre 2006. Wer mit induzierten Stammzellen forscht, der benötigt hES oft als Referenz, daher die Zunahme der Zahlen im BAG-Forschungsregister.
Drei Projekte bei Roche, eines bei Novartis
Weltweit zeigen verschiedene Pharmaunternehmen Interesse an Stammzellen, etwa Johnson&Johnson oder Sanofi-Aventis. Bei den Pharmaunternehmen Novartis und Roche laufen derzeit ebenfalls Projekte mit den Alleskönner-Zellen; drei bei Roche, eines bei Novartis. Die Industrie setzt hES beispielsweise in der Medikamentenentwicklung ein: So wurden Tests entwickelt, die mithelfen, die Wirkung einer Substanz möglichst präzise vorherzusagen und zu bestimmen, ob ein bestimmter Wirkstoff Nebenwirkungen auslösen wird oder nicht. Da die Tests auf menschlichen Zellen basieren, ermöglichen diese präzisere Aussagen als Tests mit tierischen Zellen. Es geht also darum, möglichst früh in der Entwicklung zu erkennen, ob ein Wirkstoff zum Blockbuster werden kann, aber auch um die Reduzierung der Anzahl Tierversuche.
Ein anderes Forschungsprojekt, das derzeit bei Roche läuft, umfasst die Suche nach einem neuen Wirkstoff gegen Depression oder Alzheimer. Erst seit wenigen Jahren ist gesichert, dass es auch im Gehirn Stammzellen gibt, die stetig neue Hirnzellen hervorbringen können. Die Wissenschaftler versuchen nun, Wirkstoffe zu finden, die diese Nervenstammzellen zur Produktion neuer Hirnzellen anregen. Mit einem solchen Wirkstoff könnten Alzheimer-Patienten behandelt werden, da bei ihnen die Hirnzellen über die Jahre langsam absterben. In diesem Experiment dienen die hES nicht als Wirkstoff, sondern als Ausgangspunkt, um aus ihnen Nervenstammzellen zu entwickeln, die für die Versuche nötig sind.
Die Schweizer Biotech- und Pharmafirmen sind noch immer sehr vorsichtig, wenn es darum geht, hES zur Heilung von Krankheiten einzusetzen. Das mag einerseits an den ethischen Bedenken liegen, andererseits aber auch an noch ungelösten klinischen Problemen, denn hES könnten in einem Patienten zu Krebs führen, wie entsprechende Versuche mit Mäusen gezeigt haben. Natürlich würde kein Mediziner im Rahmen einer klinischen Studie direkt hES in die Blutbahn injizieren, sondern die hES werden zunächst weiterentwickelt und erst in einem ausgereifteren Stadium dem Patienten verabreicht, zum Beispiel als Nervenstammzellen. Das Problem besteht jedoch darin, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt, dass nicht doch einzelne hES mitverabreicht werden. Die komplette Trennung von hES und ausgereifteren Zellen ist schwierig.
Keine klinische Studie mit hES in der Schweiz
In der Schweiz läuft daher auch keine entsprechende klinische Studie. Auch auf internationaler Ebene lassen sich die Versuche auf einer Hand abzählen. Das kalifornische Unternehmen Geron, deren Forscher mit Hilfe von hES Rückenmarkverletzungen behandeln wollten, hat kürzlich die Branche mit der Mitteilung überrascht, dass es die Studie aus finanziellen Gründen stoppt. Derzeit wird nach einem Investor gesucht, der diese Stammzell-Studie übernehmen und weiterführen würde.
Auch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes hat das Interesse der Industrie an hES nicht eben verstärkt. Der Gerichtshof hatte Mitte Oktober geurteilt, dass keine Patente auf Verfahren mit menschlichen Stammzellen angemeldet werden können, wenn dies die Zerstörung eines Embryos erfordere. Auf die laufenden hES-Forschungsprojekte in der Schweiz hat das Urteil zwar keinen Einfluss, da die Forschung davon nicht betroffen ist. «Aber die langfristigen Auswirkungen dieses Gerichtsurteils kann man im Moment nicht abschätzen», so Monika Bähner, Leiterin einer Stammzellgruppe bei Roche im deutschen Penzberg.
Adulte Stammzellen gegen Lungenfibrose
Die Forschungsgruppe in Penzberg konzentriert sich ganz auf adulte Stammzellen und deren Anwendung zur Behandlung schwerer Krankheiten. Sie untersucht unter anderem die Wirksamkeit dieser Zellen bei der idiopathischen Lungenfibrose, einer tödlich verlaufenden Erkrankung der Lunge. «Einerseits geht es darum, eigene Stammzellprojekte voranzutreiben», sagt Bähner. «Andererseits ist es auch von grosser Wichtigkeit, Wissen zu erarbeiten, um in Zukunft interessante Kollaborationen mit Biotech-Firmen besser einschätzen zu können». Nicht nur Roche konzentriert ihren Radar vermehrt auf Biotech-Firmen mit interessanten Stammzellprojekten. Die Anzahl solcher Biotech-Firmen, die im engeren Sinne Stammzellforschung betreiben und mit adulten oder induzierten Zellen arbeiten, ist hierzulande mit etwa 15 Firmen zwar überschaubar, aber ebenfalls im Aufwärtstrend. Vor allem im Raum Genf haben in den vergangenen Jahren mehrere Unternehmen ihre Labortüren geöffnet.